Lingy-Hop & Swing

Düster die Politik, atemberaubend die Kultur - Dandys und Bohemians feiern in den Salons der 20er Jahre

Dicke Rauchschwaden in der Luft, schwere Samtvorhänge verdecken den Blick aufs Parkett, wo sich die Menge in Ekstase tanzt. Junge Frauen mit Federboas um den Hals und Zigarettenspitzen im Mund stecken lachend die Köpfe zusammen. Auf der Bühne ein Jazz-Orchester, das den Sound der Zeit, den Swing perfekt drauf hat. Keine Zwänge, ein Gefühl von Freiheit - die Mädchen wirbeln in ihren flatternden Fransenkleidern über die Tanzfläche. Unter den Dandyanzügen der Herren gucken die Hosenträger hervor. Was klingt wie das Set eines Historienfilms, ist in den "Goldenen Zwanzigern" Realität. Kein zweites Jahrzehnt im Zwanzigsten Jahrhundert hat so viele kulturelle, musikalische und stilprägende Veränderungen mit sich gebracht. Eine berauschende Energie liegt in der Luft, obwohl die Zeit politisch sehr düster ist.

Neues Freiheitsgefühl nach dem Krieg und dem Mief der Monarchie

Anfang der 1920er Jahre. Deutschland ist am Boden. Ausgezehrt vom Krieg, versucht die junge Republik auf die Beine zu kommen. In vielen Ländern Europas haben nach Jahrhunderten mit Königen und Kaisern an der Spitze die Bürgerlichen die Macht übernommen. So auch in Deutschland. Die Weimarer Republik versucht die Demokratie in Deutschland zu festigen und ein Mehrparteiensystem regierungsfähig zu machen. Doch politisch radikale Kräfte von rechts und links machen den Demokraten das Leben schwer. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist geprägt von Straßengewalt und politischen Morden. Auch die Wirtschaft ist zusammengebrochen. Da Deutschland hohe Reparationszahlungen an die Siegermächte zahlen muss, herrscht Inflation. Ein Laib Brot kostet zeitweise eine Million Reichsmark. Aber nicht nur Deutschlands Wirtschaft geht es schlecht. Die USA erleben in den 1920er Jahren ihre schwerste Wirtschaftskrise überhaupt. Der "Black Friday", der New Yorker Börsenkrach im Jahr 1929, reißt die USA in eine schlimme Depression. Umso erstaunlicher, dass dieses von Rezession und Krisen geprägtes Jahrzehnt einen einmaligen kulturellen Höhenflug erfährt. Es weht soviel frischer Wind in Musik, Mode und Kunst!

Sehnsucht nach Glamour und Spaß

Einerseits ist es erstaunlich, dass genau in den düsteren 20er Jahren wilde Partys und Freiheitsliebe an der Tagesordnung sind. Anderseits spiegelt genau das die Sehnsucht der Generation wider. Die Menschen wollen sich frei fühlen, wild fühlen. Und Kunst und Kultur erleben einen noch nicht da gewesenen Höhenflug: Pablo Picasso tanzt mit Coco Chanel in Paris, Marlene Dietrich amüsiert sich auf den legendären Partys des großen Gatsby in New York. In der Mode werden die Korsetts endgültig verbannt, Hosen sind für Frauen salonfähig. Dadaismus, Surrealismus und Expressionismus - die Kunstrichtungen übertreffen sich gegenseitig in ihrer Extravaganz. Und in der Musik schwappt der Swing von den USA über den Atlantik nach Europa über.

Swing, Charleston, Jazz - neue Musik zum Tanzen

Der Swing ist eine populäre Form des Jazz. Er kommt ursprünglich aus den amerikanischen Südstaaten, entwickelt von Afro-Amerikanern, wurde aber schnell von der weißen Bevölkerung übernommen und kommerzialisiert. Und der Sound passt zum Lebensgefühl der Zeit - rhythmische Merkmale sind eine bestimmte Leichtigkeit, ein federnder, fliegender Rhythmus, es entsteht ein Gefühl des Sich-treiben-Lassens. Einzigartig für den Swing ist wohl, dass es keine Definition gibt. Swing ist ein Gefühl, ein bestimmtes Rhythmus Gefühl, das niemanden kalt lässt. Ein wichtiges Merkmal ist die für den Swing typische Musikerformation, die Big Band. Eine Big Band besteht charakteristisch aus folgenden Instrumenten:

  • Holzsektion: Alt-, Bariton- und Tenorsaxophon
  • Blechsektion: Trompeten und Posaunen
  • Rhythmusgruppe: Klavier, Bass, Gitarre und Schlagzeug

Diese besondere Formation macht das Improvisieren, das im Jazz so charakteristisch ist, schwierig. Es gibt bestimmte Arrangements, die gespielt werden. Diese zusammenhängende Stücke machen es wiederum dem Publikum leichter, dazu zu tanzen. Und es wurde viel getanzt zum Swing. Der wohl berühmteste Tanz aus den 1920ern ist der Charleston.

Wilde Tänze auf dem Kontinent

Eine Tanzbeschreibung definiert den Charleston folgendermaßen: "der Körper zittert, dann die Bewegungen der Hüften, Schenkel und der Pobacken. Die Hände sind sehr aktiv, sie berühren fast alle Teile des Körpers. Dazu kommen die X- und O-Beine, abwechselnd. Der Tänzer beugt seinen Rücken oder geht sogar in die Hocke."

Der Charleston ist ein extrem schneller Tanz, die Bewegungen gelten in konservativen Kreisen als unsittlich. Wichtige Vertreter des Charleston in Europa sind Josephine Baker und Duke Ellington. Sie gastierten zum Beispiel in Berlin im Delphi, einer der wichtigsten Hochburgen des Swing. Ein weiterer Modetanz zu der Zeit ist der Shimmy: hier werden alle Körperteile bewegt, der Shimmy hat afrikanische Einflüsse. Parallel dazu entwickelt sich sogar ein eigener Shimmy Modestil. Das sind zum Beispiel weiße, spitze Schuhe.

Der Swing bleibt und ebnet den Erfolg des Rock`n`Roll

In Deutschland floriert der Swing und erfreut sich wachsender Beliebtheit bis zur Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933. Von da an wird es schwer für die Kulturschaffenden, sie haben mit Schikanen und Einschränkungen zu rechnen. Doch bis zur Schließung aller nicht-kriegswichtiger Betriebe 1943 swingen die Deutschen weiter. Die Nazis wollen die Soldaten durch die positive bei Laune halten. Auf der anderen Seite des Kontinents, in den USA entwickelt sich aus dem Swing nach und nach der Lindy-Hop und daraus der Boogie-Woogie, der wiederum in den Rock`n`Roll mündet. Den Rock`n`Roll bringen wiederum die amerikanischen GI´s im zweiten Weltkrieg nach Europa. Doch das ist eine andere Geschichte.


Letzte Änderung: 29.11.2018

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